Wien. Laut dem neuen Global Wealth Report der Schweizer Großbank UBS reicht in Österreich ein Nettovermögen von 71.378 US-Dollar, also rund 62.400 Euro, um mehr zu besitzen als die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung. Wer diesen Wert erreicht, gehört statistisch bereits zur wohlhabenderen Hälfte des Landes. Zum Vermögen zählen Geld, Wertpapiere, Immobilien und andere Vermögenswerte, abzüglich bestehender Schulden.
Das klingt zunächst erstaunlich niedrig. Genau darin liegt das Problem dieser Zahl. Denn sie zeigt nicht, wie reich die Mitte ist. Sie zeigt, wie wenig die Hälfte der Bevölkerung besitzt.
Wer 62.400 Euro Nettovermögen hat, ist nicht reich im gesellschaftlichen Sinn. Er oder sie besitzt nicht die Produktionsmittel, lebt nicht von Renditen, kontrolliert keine Betriebe, bestimmt nicht über Investitionen, Arbeitsplätze oder Preise. Dieses Vermögen bedeutet vielleicht ein kleines finanzielles Polster, ein teilweise abbezahltes Auto, etwas Erspartes, einen Anteil an einer Wohnung oder schlicht das Ergebnis jahrelanger Arbeit und Verzicht. Reichtum ist das nicht. Es ist die bescheidene Sicherheitsreserve in einer Gesellschaft, in der Unsicherheit der Normalzustand ist.
Die Mitte ist nicht reich – die Mehrheit ist arm an Eigentum
Die bürgerliche Deutung solcher Zahlen funktioniert meist nach demselben Muster. Man präsentiert einen Schwellenwert, spricht von „wohlhabend“, und schon soll der Eindruck entstehen, die Gesellschaft sei breiter vermögend, als viele denken. Das ist Statistik als Opium.
Tatsächlich zeigt der Median etwas anderes. Wenn die Hälfte der Erwachsenen in Österreich weniger als rund 62.400 Euro Nettovermögen besitzt, dann heißt das: Ein großer Teil der Bevölkerung lebt ohne nennenswerte materielle Absicherung. Eine Reparatur, ein Jobverlust, eine Krankheit, eine Scheidung, eine Mieterhöhung oder eine Kreditbelastung können ausreichen, um die scheinbare Stabilität zum Einsturz zu bringen. Das ist keine Wohlstandsgesellschaft für alle. Das ist eine Klassengesellschaft mit dünnem Sicherheitspolster.
Der Unterschied zwischen Median und Durchschnitt macht das besonders deutlich. Während der Median bei rund 71.000 US-Dollar liegt, beträgt das durchschnittliche Vermögen laut Bericht etwa 280.000 US-Dollar pro erwachsener Person. Dieser Unterschied entsteht, weil große Vermögen den Durchschnitt nach oben ziehen. Die wenigen besitzen so viel, dass sie die Statistik glänzen lassen, während die vielen weiterhin jeden Euro umdrehen müssen. So sieht kapitalistische Schönheitspflege aus: Die Reichen heben den Durchschnitt, und der BILLA-Verkäuferin wird erklärt, Österreich sei eigentlich eh wohlhabend.
Vom Tellerwäscher zum Millionär – die Lieblingslüge des Systems
Der Kapitalismus liebt seine Aufstiegsmärchen. Vom Tellerwäscher zum Millionär. Von der kleinen Idee zum großen Unternehmen. Von der Garage zum Weltkonzern. Die Botschaft ist immer dieselbe: Wer es nicht schafft, hat sich eben nicht genug angestrengt.
Diese Erzählung ist keine harmlose Motivation, sie ist Ideologie. Sie soll die gesellschaftlichen Ursachen von Armut, Unsicherheit und Ausbeutung individualisieren. Wenn Reichtum angeblich Ergebnis persönlicher Leistung ist, dann erscheint Armut als persönliches Versagen. Genau so wird Klassenherrschaft moralisch verkleidet.
Die Realität sieht anders aus. Die BILLA-Verkäuferin, der Bauarbeiter, die Pflegerin, der Lagerarbeiter, die Kollegin aus dem Büro, der Reinigungskraft und der Lehrling schaffen täglich gesellschaftlichen Reichtum. Sie halten Produktion, Versorgung, Handel, Pflege, Verwaltung, Transport und Alltag am Laufen. Aber sie eignen sich diesen Reichtum nicht an. Er wird ihnen in Form von Lohn nur teilweise zurückgegeben, während der Mehrwert beim Kapital landet.
Der Millionärsmythos verschweigt diesen Zusammenhang. Er tut so, als würden alle am selben Startpunkt stehen. Als wäre Eigentum eine Frage von Fleiß. Als hätte die Arbeiterklasse nur vergessen, ausreichend zu investieren, zu optimieren oder sich selbst als kleines Unternehmen zu begreifen.
Das ist zynisch. Menschen, die nach acht, zehn oder zwölf Stunden Arbeit müde nach Hause kommen, brauchen keine Lügenmärchen und Selbstoptimierungstipps irgendwelcher Finanzgurus. Sie brauchen höhere Löhne, leistbares Wohnen, sichere Arbeit, öffentliche Daseinsvorsorge und politische Macht.
Millionäre wachsen nicht auf Bäumen, sondern auf Ausbeutung
Der UBS-Bericht meldet weltweit fast eine Million neue Dollar-Millionäre innerhalb eines Jahres. Im Schnitt kamen täglich mehr als 2.600 neue Millionäre hinzu. Das wird in der Sprache des Kapitals als Erfolgsgeschichte erzählt. Vermögen wächst, Märkte steigen, Anleger profitieren. Ein Hoch auf die globale Vermögensbildung.
Für uns stellt sich die Frage anders: Wessen Vermögen wächst hier – und auf wessen Arbeit beruht es?
Kapitalistischer Reichtum entsteht nicht dadurch, dass Geld sich auf magische Weise vermehrt. Er entsteht aus gesellschaftlicher Arbeit, aus Aneignung von Mehrwert, aus Eigentum an Produktionsmitteln, aus Mieten, Zinsen, Dividenden, Spekulation, Erbschaften und ökonomischer Macht. Dass weltweit täglich tausende neue Millionäre entstehen, bedeutet nicht, dass die Menschheit gerechter wird. Es bedeutet, dass sich Vermögen weiter konzentriert.
Während Millionen Menschen mit steigenden Mieten, Lebensmittelpreisen, Energiekrisen und unsicheren Arbeitsverhältnissen kämpfen, wächst am anderen Ende der Gesellschaft das Vermögen jener, die von Eigentum leben. Das ist der eigentliche Klassenbefund. Nicht alle werden reicher. Die Besitzenden werden reicher, weil die Arbeitenden den Reichtum schaffen. Der Kapitalismus nennt das Erfolg. Wir nennen es Ausbeutung.
Vermögen ist Macht
Bürgerliche Vermögensberichte sprechen gerne über Zahlen, Länderreihungen und Schwellenwerte. Doch Vermögen ist nicht bloß eine Summe auf dem Konto. Vermögen ist gesellschaftliche Macht.
Wer viel Vermögen besitzt, kann wohnen, ohne Angst vor der nächsten Mieterhöhung zu haben. Er kann investieren, kaufen, verkaufen, vererben, Einfluss nehmen. Große Vermögen bedeuten Zugriff auf Betriebe, Immobilien, Medien, Parteien, Stiftungen, Lobbying und politische Entscheidungen. Sie bedeuten nicht nur mehr Konsum, sondern Macht über die Lebensbedingungen anderer.
Genau deshalb ist die Frage von Reichtum immer eine Klassenfrage. Nicht entscheidend ist, ob jemand statistisch zur oberen Hälfte gehört, weil ein paar Ersparnisse vorhanden sind. Entscheidend ist, ob jemand von eigener Arbeit leben muss oder von fremder Arbeit leben kann. Ob jemand Lohn erhält oder Profit aneignet. Ob jemand morgens zur Arbeit geht oder andere für sich arbeiten lässt.
Die Grenze zwischen arm und reich verläuft nicht bei 62.400 Euro. Sie verläuft zwischen Arbeit und Kapital.
Nicht Objekt der Fürsorge, sondern Subjekt der Veränderung
Unsere Politik stellt daher nicht abstrakte Durchschnittsmenschen in den Mittelpunkt, sondern die reale Arbeiterklasse: die BILLA-Verkäuferin, den Bauarbeiter, die Pflegekraft, den Metallarbeiter, die Kollegin im Büro, den Busfahrer, die Reinigungskraft, den Lehrling, die Angestellte im Callcenter. Nicht als Objekte, die eine bessere Vertretung brauchen. Sondern als entscheidendes Subjekt gesellschaftlicher Veränderung.
Das ist der Unterschied zwischen sozialer Verwaltung und marxistisch-leninistischer Politik. Die Arbeiterinnen und Arbeiter sind nicht die armen kleinen Leute, denen man gelegentlich helfen muss. Sie sind jene Klasse, die den gesellschaftlichen Reichtum produziert. Ohne sie steht alles still. Kein Supermarkt öffnet, kein Krankenhaus funktioniert, keine Baustelle läuft, kein Büro arbeitet, kein Zug fährt, kein Paket kommt an.
Die Macht der Arbeiterklasse ist vorhanden. Sie muss organisiert werden.
Der Kapitalismus versucht, Arbeiterinnen und Arbeiter zu vereinzelten Konsumentinnen und Konsumenten, Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern, Kundinnen und Kunden oder statistischen Vermögensgruppen zu machen. Wir müssen dagegen klarstellen: Die Arbeiterklasse ist eine Klasse mit gemeinsamen Interessen. Ihre Aufgabe ist nicht, sich individuell in die Millionärsstatistik hochzuträumen, sondern kollektiv jene Ordnung zu überwinden, die Reichtum oben konzentriert und Unsicherheit unten produziert.
Reichtum für wenige, Arbeit für viele
Die neue Vermögensrechnung ist ein weiterer Beleg für die Widersprüche des Kapitalismus. Eine Gesellschaft, in der man mit 62.400 Euro bereits mehr besitzt als die Hälfte der Bevölkerung, ist keine gerechte Gesellschaft. Sie ist eine Gesellschaft, in der Vermögen massiv ungleich verteilt ist und Millionen Menschen trotz Arbeit kaum Eigentum aufbauen können.
Die Antwort darauf kann nicht lauten, dass alle ein bisschen besser sparen, investieren oder an sich glauben sollen. Das ist die Predigt derer, die vom bestehenden System profitieren. Die Antwort muss lauten: höhere Löhne, Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn- und Personalausgleich, leistbares Wohnen, Ausbau öffentlicher Versorgung, Besteuerung großer Vermögen, Enteignung zentraler Schlüsselbereiche und letztlich die sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft.
Denn solange die Produktionsmittel in privater Hand bleiben, bleibt auch der gesellschaftliche Reichtum privat angeeignet. Solange Kapital über Arbeit herrscht, wird jede Vermögensstatistik denselben Kern zeigen: Die einen arbeiten, die anderen besitzen.
Quelle: Finanz.at





















































































