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Home Feuilleton

David Lynch – Tod eines Visionärs

25. Jänner 2025
in Feuilleton
David Lynch – Tod eines Visionärs

Ein herausragender Regisseur, Musiker und Künstler, ist am 15. Januar 2025 im Alter von 78 Jahren gestorben. Bekannt für seinen einzigartigen Stil, der surreale und düstere Elemente miteinander verwebt, hinterließ er mit Werken wie Eraserhead, Blue Velvet, Mulholland Drive und Twin Peaks einen bleibenden Eindruck in der Filmwelt und wurde 2019 mit einem Ehrenoscar für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

David Keith Lynch, der 78-jährige Visionär und Regisseur unvergesslicher Meisterwerke, ist gestorben. Er wäre am 20. Jänner 79 Jahre alt geworden. Er war Regisseur, Drehbuchautor, Produzent, Musiker und Künstler, bekannt für seinen einzigartigen Stil, der surreale und düstere Elemente mit surrealen Erzählstrukturen kombiniert. Er war berüchtigt für seine Arbeit in den Bereichen Traumlogik, symbolische Bildsprache und die Erkundung der dunklen Tiefe der menschlichen Psyche. So war er ein Meister darin, Horrorelemente in seinen Werken einzubauen, ohne jemals als Horrorregisseur gegolten zu haben, Liebesgeschichten kriminalistisch darzustellen und Krimis mit Schnulzenelementen zu speisen.

In vielen seiner Werke tauchen Themen wie das Böse, die Entfremdung und die Verborgenen Seiten des menschlichen Lebens auf. Oft nutzte er surreale und verstörende Bildwelten, um die Spannung zwischen der Oberfläche und den dunklen Geheimnissen einer Gesellschaft oder eines Individuums zu erforschen.

In einem Beitrag auf Lynchs eigenem Facebook-Profil gab die Familie die Nachricht vom Ableben bekannt: „Mit tiefer Trauer geben wir, seine Familie, das Ableben des Menschen und Künstlers David Lynch bekannt. Wir würden es begrüßen, wenn wir in dieser Zeit etwas Privatsphäre hätten. Es herrscht eine große Leere in der Welt, da er nun nicht mehr unter uns weilt. Aber, wie er zu sagen pflegte: ‚Behalte den Donut im Auge und nicht das Loch‘“.

Im Jahr 2020 wurde bei ihm ein Lungenemphysem diagnostiziert, und im vergangenen Jahr sagte der Regisseur: „Ich brauche Sauerstoff, um durch das Haus zu gehen. Ich habe geraucht, seit ich acht Jahre alt war. Das ist ein hoher Preis, den ich zahlen muss.“

Erste Anfänge – The Elephant Man

Zwischen 1972 und 1976 hatte Lynch mit Eraserhead einen echten Kultfilm gedreht, der jedoch auf Festivals keinen guten Anklang fand und als gänzlich sui generis gilt, da er in kein Schema passen wollte. Die Geschichte handelt von Henry Spencer, dessen Vaterschaft ihn sowohl körperlich als auch geistig belastet. Als das Baby stirbt, verschwinden seine Probleme, doch gleichzeitig zerfällt auch er selbst. Der Film wurde erst Anfang der 90er mit besseren Kritiken bedacht. Er beeinflusste jedoch zahlreiche Filme renommierter Regisseure, darunter The Shining (1980) von Stanley Kubrick, Tetsuo: The Iron Man (1989) von Shin’ya Tsukamoto, Begotten (1990) von E. Elias Merhige und Pi (1998) von Darren Aronofsky. Zudem wirkte Lynchs Werk auch auf die Arbeiten von David Cronenberg und Terry Gilliam.

Mit Der Elefantenmensch (1980) wurden die ersten großen Auszeichnungen für ein höchst originelles und reines Talent vergeben. Der Film erhielt Oscar-Nominierungen für Drehbuch und Regie. Der Film erzählt die wahre Geschichte von Joseph Merrick, der im Film als John Merrick dargestellt wird. Aufgrund seiner außergewöhnlichen körperlichen Missbildung wird er als Jahrmarktssensation ausgestellt. Der Arzt Frederick Treves rettet ihn aus dieser Situation, erkennt den sensiblen und gebildeten Mann hinter dem furchteinflößenden Erscheinungsbild und versucht, ihn in die Gesellschaft zu integrieren. Dieser Film ist mit Liebe gemacht, einer absoluten Liebe zur Menschlichkeit, wohingegen der Hass der Gesellschaft das Gegenstück bildet – der Hass und die Furcht vor Anderssein und Andersartigkeit. Der körperlich Missgebildete stellt dabei das Menschliche dar, während umgekehrt die normalen Menschen sich als die Unmenschlichen herausstellen. Merrick stirbt bzw. bringt sich schlussendlich um, indem er sich entscheidet, auf dem Rücken zu schlafen, wie alle „normalen“ Menschen – mit seinem riesigen Kopf ist er in dieser Position zum Ersticken verurteilt. Es ist die Normalität, die erstickend wirkt, während das Monströse, das Unfassbare und Unerkannte einerseits das philosophische Staunen (θαῦμα – thauma) hervorbringt, andererseits als Basis für Erkenntnis dient.

Interessant ist, dass Lynch schon in einer der ersten Szenen den entstellten John Merrick zeigen wollte, dies aber vom Darsteller John Hurt abgewendet wurde. Er meinte mit großer Voraussicht, dass der dramatische Effekt gesteigert werden könne, wenn man das Aussehen des Mannes zunächst im Dunkeln ließe:

„Ich war in Sachen Bildgestaltung auf der Leinwand sicher nicht besser [als Lynch], denn ich glaube, niemand ist besser als er. Er ist in dieser Hinsicht der größte Regisseur der Welt, wenn er sein Bestes gibt. Aber in Sachen Drama irrt er manchmal, und ich spürte, dass er es dort tat.“ Lynch reagierte tatsächlich auf Hurts Einwand: Merrick wird zu Beginn nur maskiert oder im Schatten gezeigt und enthüllt sein Aussehen erst nach etwa einer halben Stunde Films.

Was hätte sein können: Dune (1984)

Vier Jahre später folgte die verpasste Chance Dune (1984), eine Adaption von F. Herberts weltbekannter Science-Fiction-Saga, die nach den beiden Filmen des kanadischen Regisseurs Denis Villeneuve ein glorreiches und würdiges Comeback erlebte. Obschon diese erste Dune-Verfilmung oft als unglücklich bezeichnet wird, ist sie dennoch auch in der heutigen Zeit noch sehenswert: Mit Kyle MacLachlan als Paul Atreides, Jürgen Prochnow als Leto Atreides, Patrick Stewart in der Rolle des Gurney Halleck, Max von Sydow als Dr. Kynes, Brad Dourif als Piter de Vries und ja, nicht zuletzt Sting höchstpersönlich als Feyd-Rautha Harkonnen, hatte sich Lynch ein vorzeigbares Stars-Ensemble ausgewählt, das dem zu behandelnden Stoff alle Ehre macht. Die Darstellung der Sandwürmer war sensationell und stilprägend für Horrorfilme (s. etwa die beliebten Raketenwürmer aus Tremors (1990) von Ron Underwood) und für horrorlastige Videospiele. Mit 137 Minuten wurde die Handlung jedoch, und hierin besteht ein allgemeiner Konsens, auf unpassende, missverständliche Art gekürzt, sodass man, ohne den ersten Band gelesen zu haben, eher schlecht als recht versteht, worum es in Herberts Dune geht. Wie sich dies Lynch selbst vorgestellt hat, ist jedoch ungewiss – er trägt für die Kürzung nämlich keine Schuld. Seine Originalversion dauerte etwa 3,5 Stunden, wurde aber vom Produzenten auf knapp über zwei Stunden zusammengeschnitten. Es hätte also schon damals zur Veröffentlichung eines Epos kommen können, doch dem war nicht so. Was vom Film bleibt, ist eine schöne Erinnerung an die Filmkunst der 80er, die beeindruckende Schauspielkunst der Mitwirkenden und eine unklare Ahnung dessen, was hätte sein können, wenn der Film nur in Originallänge gezeigt worden wäre. Und dies ist das Glück und die Tragödie zugleich aller Menschen, die Fans beider Genies sind: Herbert und Lynch. Aber man nimmt, was man kriegt. 

1986 folgte der verstörende und kontrovers diskutierte Blue Velvet, für den Lynch eine weitere Oscar-Nominierung erhielt. Die Geschichte handelt von dem College-Studenten Jeffrey Beaumont, der in eine scheinbar ruhige amerikanische Kleinstadt gerät und dort mit Gewalt, Korruption und sadomasochistischen sexuellen Praktiken konfrontiert wird. Hier spielt Lynch, ähnlich wie Dario Argento, willkürlich und doch mit künstlerischer Intention mit den Farben Blau, Rot und Weiß und dem Fehlen davon. Isabella Rossellini gelingt hier der absolute schauspielerische Durchbruch.

Twin Peaks: Das Mystery-Meisterwerk

1989 folgte die erfolgreiche Hinwendung zum Fernsehen mit der Serie Twin Peaks, die ein weltweiter und kritischer Erfolg wurde. Zu seinem künstlerischen Lebenslauf gehört auch das daran anschließende Prequel Twin Peaks: Fire Walk with Me!. Es ist dies die sagenhafte Rekonstruktion des Mordfalls Laura Palmer, der eng verwoben ist mit einer Kleinstadt, die es faustdick hinter den Ohren hat – und genau dieser Topos wird durch Lynch groß: Eine Kleinstadt, die nach außen hin einen gemächlich einschläfernden und absolut normalen Eindruck macht, aber in Wirklichkeit zahllose Geheimnisse birgt, die Raum für Spekulation lassen – in Richtung Mystery, Horror, Ufos und Romantik, und dabei so viele Nebenhandlungen aufweist, dass man den eigentlichen Krimi um Laura Palmer, die Auflösung des Falls und ihren schockierend banalen Mörder am Schluss ganz vergisst.

Ja, man interessiert sich dafür mit der Zeit auch gar nicht mehr, da man nur mehr gespannt darauf wartet, was einem Lynchs durch und durch experimentierfreudiges Gehirn wohl als nächstes präsentieren mag (z.B. Traumsequenzen mit einem plötzlich auftauchenden Zwerg, der ein verzerrtes Englisch spricht), und dies nicht allein bezogen auf Setting und unglaublichen Wendungen, sondern auch in der Charaktergestaltung, die nicht ohne Witz vor sich geht – wer erinnert sich beispielsweise nicht gern an „Big Ed“ Hurleys Frau, Nadine Hurley, eine zu Anfang in Krise und Depression begriffene Figur, die eine Augenklappe trägt und davon besessen ist, die leisesten Vorhangstangen der Welt zu erfinden. Sie wird sich mehr und mehr zu einem Charakter mit übermenschlichen Kräften entwickeln, die sich zwar nach einem Unfall für eine Cheerleaderin hält, aber auch einem Kriminellen den Garaus macht, als er ihren Mann bedroht, oder einen Schüler aus Freude am Sport allein mit der übernatürlichen Kraft ihres Bizeps über ein ganzes Football-Feld wirft. Unvergessen bleibt in diesem Kontext auch der FBI-Agent Gordon Cole, ein schwerhöriger Beamter, dessen Gimmick im Grunde banaler Natur ist: Da er nur schwer hört, was man ihm sagt, fallen seine Antworten immer viel zu laut und teilweise als Erwiderungen gar nicht gestellter Fragen aus – der Schauspieler, der hinter der Figur Gordon Cole steckt, ist aber niemand anderes als David Lynch selbst, was seine originelle humorvolle Natur und spitzbübischen Witz unterstreicht: Die Rolle mit den billigsten Lachern übernimmt der Meister persönlich.

Lynch zu Twin Peaks-Zeiten 1990 (Bildquelle:photo by Alan Light, CC BY 2.0 https://​creativecommons​.org/​l​i​c​e​n​s​e​s​/​b​y​/2.0, via Wikimedia Commons)

Unvorbereitet traf das Publikum die dritte Staffel, die am 21. Mai 2017 mit einer Doppelfolge begann, d.h. 26 lange Jahre nach der Ausstrahlung der letzten Folge der zweiten Staffel im Jahr 1991, die zwar mit einem Cliffhanger endete, mit dem man jedoch leben konnte. Anders ausgedrückt: Das Ende der zweiten Staffel hätte tatsächlich ein Ende sein können. Unvorbereitet traf das Publikum aber auch die Art und Weise, wie die dritte Staffel aufgenommen wurde: Die Handlung geht äußerst schleppend voran, der Zuschauer ist mit Fluten von scheinbar unzusammenhängenden Bildern konfrontiert und die Geburt des Bösen wird versinnbildlicht oder tatsächlich vollzogen durch den Atombombenabwurf der USA auf Hiroshima. Unter den Klängen von „Threnody to the Victims of Hiroshima“, einem Werk des polnischen Komponisten Krzysztof Penderecki aus dem Jahr 1960, das den Opfern des Atombombenabwurfs auf Hiroshima am 6. August 1945 gewidmet ist, wird in Zeitlupe der Aufstieg des Atompilzes eines nuklearen Tests gezeigt. Es ist ein ethisch-moralisches Problem, das Lynch hier aufwirft und mit dem biblischen Thema des Sündenfalls kombiniert – er bleibt als Regisseur, wie so oft, nur halb entzifferbar. Die dritte Staffel von Twin Peaks bleibt aber auch das Zeugnis eines Mannes, der genug Bekanntheit erlangt hat und nicht mehr vom Auf und Ab der Besucherzahlen bzw. Zuschauerzahlen abhängig ist: Er macht Kunst für sich selbst und nicht für das Publikum – selbst schuld, wenn man da nicht mitkommt, und in dieser Hinsicht bildet wohl der 2013 verstorbene Singer/Songwriter Lou Reed am ehesten ein musikalisches Pendant: Zwei Größen mit großen qualitativen Unterschieden im Werk, denen dieser Umstand aber schlichtweg nichts ausmachte.

Ehrungen und Preise für einen großen Künstler

Einen weiteren Kultfilm präsentiert Lynch mit Mulholland Drive von 2001 (mit einer Oscar-Nominierung für die Regie). Der Film wurde in einer internationalen Kritikerumfrage 2016 zum bis dahin besten Film des 21. Jahrhunderts gewählt. Im Jahr 2019 hatte die Academy Lynch mit einem Oscar für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Mulholland Drive kam 2021 zu seinem 20-jährigen Jubiläum wieder in die Kinos: in 4K, produziert von StudioCanal, vertrieben von der Cineteca di Bologna im Rahmen des Projekts „Il Cinema Ritrovato“. Der Film, der Naomi Watts zum Durchbruch verholfen hat, ist einer von nur zwei Titeln aus den 2000er Jahren, die in die berühmte Liste der hundert besten Filme der Kinogeschichte aufgenommen wurden, die alle zehn Jahre von der Zeitschrift Sight & Sound erstellt wird.

Naomi Watts, David Lynch, Laura Elena Harring und Justin Theroux bei den Filmfestspielen von Cannes 2001 zur Bewerbung von Mulholland Drive (Bildquelle: Nikita~commonswiki assumed (based on copyright claims)., CC BY-SA 2.5 https://​creativecommons​.org/​l​i​c​e​n​s​e​s​/​b​y​-​s​a​/2.5, via Wikimedia Commons)

Die Biennale von Venedig ist „stolz“ darauf, David Lynch den Goldenen Löwen 2006 für sein Lebenswerk bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig verliehen zu haben. Die Verleihung wurde von einer Vorführung seines letzten Meisterwerks Inland Empire – Empire of the Mind begleitet. Die venezianische Institution mit ihrem Präsidenten Pietrangelo Buttafuoco und dem künstlerischen Leiter des Kinosektors Alberto Barbera drückten „ihr aufrichtiges Beileid zum Tod des großen Regisseurs David Lynch aus, einem der Regisseure, der das zeitgenössische Autorenkino dank seines sehr persönlichen und visionären Stils und seiner ständigen Suche nach den Grenzen der filmischen Form am meisten beeinflusst hat“.

„Maler, Regisseur, Drehbuchautor, Produzent, Cutter, Bühnenbildner, Sounddesigner, Schauspieler, Musiker, Sänger, Schriftsteller. Das war David Lynch, ein Künstler von facettenreichem und obskurem Genie, von unmöglichen Talenten, von unendlichen Visionen. Alles und noch viel mehr in einer Person“, heißt es auf den Social-Media-Konten der Uffizien-Galerien. Begleitet wird der Beitrag von einem Satz von Lynch selbst: „Mein Film ist aus dem Stoff, aus dem Albträume sind. Ich habe vor vielen Dingen Angst, aber vor allem vor den Mündern und Zähnen der Menschen…“

Lynch erhielt zudem 1990 die Goldene Palme von Cannes für Wild at Heart. Des Weiteren wurde er viermal für den Oscar nominiert. Er war Ritter und Offizier der französischen Ehrenlegion. 2019 wurde ihm der Ehrenoscar verliehen. Als einer der wichtigsten Filmemacher der Gegenwart wird er in einer Zeit besonders fehlen, die sich durch Gleichförmigkeit, Kitsch und Abgeschmacktheit auszeichnet.

Quellen: TheGuardian / IlFattoQuotidiano / FQMagazine / TVSpielfilm / Wikipedia /

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Bildquelle: Sasha Kargaltsev, CC BY 2.0 , via Wikimedia Commons
Schlagworte: BiennaleCannesDavid LynchDuneFilmkunstFrank HerbertHorrorIsabella RosselliniJohn HurtMysteryRegieSurrealismusTwin Peaks

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