Wer derzeit einen Computer, eine Spielekonsole oder ein Handy kaufen will, bekommt eine praktische Einführung in die Absurditäten des Kapitalismus gleich mitgeliefert. Die Preise steigen, Komponenten werden knapp, Hersteller melden Rekordgewinne, Investoren sind trotzdem enttäuscht, und am Ende wird der Bevölkerung erklärt, sie möge sich bitte daran gewöhnen. Willkommen in der sogenannten „RAMpocalypse“.
Auslöser der aktuellen Speicherkrise ist der anhaltende Boom rund um künstliche Intelligenz. Betreiber von Chatbots, Bildgeneratoren und anderen KI-Anwendungen benötigen nicht nur enorme Rechenleistung, sondern auch gewaltige Mengen Speicher. Besonders gefragt ist sogenannter High Bandwidth Memory, kurz HBM, der für KI-Anwendungen besonders geeignet, aber aufwendiger zu produzieren ist. Die drei großen Speicherhersteller Samsung, SK Hynix und Micron kommen mit der Produktion nicht nach. Die Folge: Kapazitäten werden dorthin verlagert, wo die größten Profite winken – zur KI-Industrie. Für herkömmliche Computer, Smartphones, Konsolen und andere Geräte bleibt weniger übrig.
Rekordgewinne mitten in der Knappheit
Samsung meldete zuletzt einen Rekordgewinn. SK Hynix erzielte mit seinem US-Börsendebüt Milliarden. Micron kündigt Investitionen von 250 Milliarden US-Dollar in den Ausbau seiner Kapazitäten an. Gleichzeitig zahlen Konsumentinnen und Konsumenten für PC-Speichermodule teils ein Vielfaches dessen, was vor einem Jahr fällig war. Apple erhöht Laptoppreise, Microsoft hebt den Preis der Xbox an, auch andere Konsolen werden teurer.
Das ist kapitalistische Krisenlogik in Reinform. Knappheit bedeutet für die Mehrheit Verteuerung, für Konzerne aber Geschäftschance. Während Arbeiterinnen und Arbeiter, Jugendliche, Familien und kleine Selbständige für Geräte des Alltags tiefer in die Tasche greifen müssen, verwandeln die großen Hersteller dieselbe Knappheit in Rekordzahlen. Der Mangel ist also nicht für alle gleich.
Besonders grotesk ist die Reaktion der Finanzmärkte. Selbst historische Gewinne reichen nicht mehr aus, wenn Anlegerinnen und Anleger noch höhere Erwartungen hatten. Der Kapitalismus ist offenbar erst dann zufrieden, wenn selbst Rekorde enttäuschen, weil die Gier schneller wächst als die Produktion.
Künstliche Intelligenz, echte Verknappung
Die Speicherkrise zeigt auch, wohin der gegenwärtige KI-Boom führt. Eine Technologie, die angeblich die Menschheit produktiver, klüger und effizienter machen soll, saugt Produktionskapazitäten in einem Ausmaß auf, dass alltägliche elektronische Geräte teurer und knapper werden. Das ist der Fortschritt, wie ihn das Kapital versteht: nicht gesellschaftlich geplant, nicht nach Bedarf organisiert, sondern dorthin gelenkt, wo die Zahlungsbereitschaft der größten Konzerne am höchsten ist.
Tech-Giganten sind laut Berichten bereit, praktisch jeden Preis zu zahlen, um an Speicher zu kommen. Was bedeutet das in einer kapitalistischen Wirtschaft? Ganz einfach: Wer mehr zahlen kann, bekommt die Ware. Ob dadurch Laptops, Handys, Konsolen oder Arbeitsgeräte für Millionen Menschen teurer werden, ist nebensächlich. Der Markt entscheidet. Und der Markt entscheidet bekanntlich immer zugunsten jener, die bereits die größten Geldberge besitzen.
Die Produktionskapazitäten werden nicht nach gesellschaftlichem Nutzen verteilt, sondern nach Profitrate. Speicher für spekulative KI-Geschäftsmodelle wird bevorzugt, während die breite Versorgung mit alltäglicher Technik nachrangig wird. Für die bürgerliche Ökonomie ist das effizient. Für normale Menschen ist es absurd.
Preisabsprache und künstliche Verknappung
Die aktuelle Sammelklage in den USA gegen Samsung, SK Hynix und Micron verweist auf einen weiteren Punkt: Der globale Speichermarkt wird von wenigen Konzernen beherrscht. Ihnen wird vorgeworfen, Preise abgesprochen und Knappheit künstlich verschärft zu haben. Ob diese Vorwürfe juristisch bewiesen werden, ist eine Frage der Verfahren. Politisch aber ist der Befund längst offensichtlich: Ein Markt, der zu rund 90 Prozent von drei Unternehmen kontrolliert wird, ist kein freier Markt.
Die viel beschworene Konkurrenz des Kapitalismus endet regelmäßig dort, wo Monopole und marktbeherrschende Konzerne genug Macht aufgebaut haben. Dann wird nicht mehr „der beste Preis“ im Interesse der Konsumentinnen und Konsumenten gebildet, sondern der profitabelste Preis im Interesse des Kapitals.
Die Speicherkrise ist ein Lehrbuchbeispiel dafür, wie kapitalistische Produktion funktioniert: gesellschaftlicher Bedarf hier, private Verfügungsgewalt dort. Die Welt braucht Speicherchips für alltägliche Geräte, Forschung, Bildung, Kommunikation und Arbeit. Aber produziert und verteilt wird nach Konzernstrategie, Anlegererwartung und zahlungskräftiger Nachfrage.
Planwirtschaft? Wie schrecklich vernünftig
An dieser Stelle lohnt sich der Vergleich mit sozialistischer Planwirtschaft. In der bürgerlichen Propaganda gilt Planwirtschaft als Synonym für Mangel, Starrheit und Ineffizienz. Der Markt hingegen soll angeblich flexibel, innovativ und rational sein. Die aktuelle Speicherkrise zeigt das Gegenteil.
Was ist rational daran, Produktionskapazitäten hektisch auf KI-Speicher umzuschichten, weil einige Tech-Konzerne jeden Preis zahlen? Was ist effizient daran, dass Geräte für Millionen Menschen teurer werden, während Konzerne Rekordgewinne melden? Was ist fortschrittlich daran, wenn eine ganze Branche nach den Erwartungen der Finanzmärkte tanzt und selbst Rekorde als Enttäuschung gelten?
Eine sozialistische Planwirtschaft würde nicht danach fragen, welcher Konzern kurzfristig den höchsten Preis zahlt. Sie würde fragen, welche Produktion gesellschaftlich notwendig ist. Welche Kapazitäten werden für Forschung gebraucht? Welche für Bildung, öffentliche Infrastruktur, Gesundheitswesen, Kommunikation, Industrie und private Nutzung? Welche technischen Entwicklungen sind sinnvoll, welche bloß spekulative Blasen? Wie lassen sich Arbeitsbedingungen, Versorgungssicherheit, Energieeinsatz und langfristige Produktionsplanung miteinander verbinden?
Das wäre natürlich unerträglich. Am Ende käme noch jemand auf die Idee, dass Wirtschaft nicht dazu da ist, Aktionärinnen und Aktionäre glücklich zu machen, sondern gesellschaftliche Bedürfnisse zu befriedigen.
KI-Boom als Spekulationsmaschine
Die Speicherkrise verweist zugleich auf eine tiefere Widersprüchlichkeit des KI-Booms. Milliarden werden investiert, Kapazitäten werden verschoben, Börsenwerte steigen, aber viele führende KI-Unternehmen haben weiterhin kein stabiles, langfristig tragfähiges Geschäftsmodell vorgelegt. Die Branche lebt von Erwartungen, Versprechen und der Hoffnung, dass sich die gewaltigen Investitionen irgendwann schon irgendwie rentieren werden.
Im Kapitalismus reicht es nicht, dass eine Technologie nützlich sein könnte. Sie muss Kapital verwerten. Sie muss Märkte schaffen, Kosten senken, Arbeitskräfte ersetzen, Daten ausbeuten oder neue Monopole begründen. Deshalb wird künstliche Intelligenz nicht zuerst danach entwickelt, was gesellschaftlich sinnvoll wäre, sondern danach, was sich verkaufen, kontrollieren und monetarisieren lässt.
Die Folgen tragen andere. Beschäftigte geraten unter Rationalisierungsdruck. Konsumentinnen und Konsumenten zahlen höhere Preise. Produktionsketten werden instabiler. Energieverbrauch und Rohstoffbedarf steigen. Doch solange die Kurse steigen und die Gewinne sprudeln, gilt das als Fortschritt.
Arbeiterinnen und Arbeiter schaffen den Reichtum
Besonders bemerkenswert ist die Debatte in Südkorea. Dort haben hohe Gewinne bei Samsung und SK Hynix eine Verteilungsfrage ausgelöst. Beschäftigte der hochprofitablen Halbleitersparte sollen hohe Prämien erhalten, während zugleich politische Vertreter Forderungen von Gewerkschaften als „exzessiv“ kritisieren.
Exzessiv sind also nicht Rekordgewinne. Exzessiv sind nicht Milliardenplatzierungen an der Börse. Exzessiv ist offenbar, wenn jene Arbeiterinnen und Arbeiter, Ingenieurinnen und Ingenieure, Technikerinnen und Techniker, die diesen Reichtum überhaupt produzieren, einen größeren Anteil daran verlangen.
Hier zeigt sich der Klassencharakter der Produktion besonders deutlich. Ohne die Arbeit der Beschäftigten gäbe es keine Speicherchips, keine KI-Infrastruktur, keine Rekordgewinne und keine Börseneuphorie. Aber sobald die Arbeitenden ihren Anteil fordern, wird aus dem gefeierten „Erfolg der Industrie“ plötzlich ein Kostenproblem. Der Kapitalismus braucht die Arbeiterklasse, aber er will sie billig halten.
Irrsinn mit System
Die sogenannte RAMpocalypse ist Ausdruck einer Produktionsweise, die nicht nach gesellschaftlicher Vernunft funktioniert, sondern nach Profit. Das ist der Irrsinn des kapitalistischen Profitwahnsinns: Eine Gesellschaft verfügt über hochentwickelte Technik, globale Produktionsketten, wissenschaftliche Erkenntnis und enorme Produktivkräfte – und trotzdem werden grundlegende Güter teurer und knapper, weil ihre Produktion privaten Konzerninteressen untergeordnet ist.
Die Frage ist daher nicht, ob es genug technische Fähigkeiten gibt. Die Frage ist, wer über diese Fähigkeiten verfügt und wofür sie eingesetzt werden. Unter sozialistischen Bedingungen könnte dieselbe Technik Teil planvoller Entwicklung sein: für Bildung, Forschung, Gesundheitswesen, Industrie, Kommunikation und gesellschaftlichen Fortschritt.
Quelle: ORF





















































































