Die WKO entdeckt ihr Herz für die Frauen. Sechs statt neun Wochen Sommerferien sollen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessern, fordert WKO-Präsidentin Martha Schultz. Was auf den ersten Blick wie eine frauenpolitische Forderung klingt, erweist sich als Schaumschlägerei und Märchen. Das Problem liegt ganz woanders und Vereinbarkeit in den gegenwärtigen Verhältnissen nicht mehr als eine Lüge die mangelnde gesellschaftliche Organisation von Kinderbetreuung und Reproduktionsarbeit sowie eine lang überfällige Reduktion der Arbeitszeiten bei vollem Lohausgleich wären bessere Ansätze.
Wien. Martha Schultz, Präsidentin der Wirtschaftskammer und Chefin des ÖVP-Wirtschaftsbundes, fordert eine Verkürzung der Sommerferien von neun auf sechs Wochen. Ihr Argument: Vor allem Mütter würden von einer solchen Maßnahme profitieren, weil sie noch immer den Großteil der Care-Arbeit leisten. Aus der Wirtschaft höre man Klagen über die langen Sommerferien, so Schultz.
Dass Frauen in Österreich einen überproportionalen Anteil der unbezahlten Sorgearbeit leisten, ist kein neues Problem. Die entscheidende Frage lautet allerdings: Warum soll ausgerechnet eine Verkürzung der Ferien die Antwort darauf sein?
Ein Betreuungsproblem wird zum Ferienproblem gemacht
Das Problem mit Schultz‘ Vorschlag beginnt bereits bei der Fragestellung. Die neun Wochen Sommerferien sind nicht die Ursache dafür, dass Arbeiterinnen und Arbeiter sowie Angestellte Schwierigkeiten haben, ihre Lohnarbeit mit der Betreuung ihrer Kinder zu vereinbaren.
Betreuung ist kein Problem, das nur im Juli und August existiert. Eltern müssen ihre Kinder während des gesamten Jahres betreuen. Sie müssen Arbeitszeiten, Schulzeiten, Ferien, Krankheitstage und schulfreie Tage miteinander vereinbaren. Wo die öffentliche Infrastruktur dafür nicht ausreicht, wird die notwendige Arbeit auf die Familien abgewälzt – und innerhalb der Familien noch immer überproportional auf die Frauen.
Eine Ferienverkürzung verändert daran grundsätzlich nichts und wird weder den Gender Pay Gap noch die Teilzeitquote oder due Armutsgefährdung, die ungleich nach Geschlecht verteilt ist antasten.
Die Ferienverkürzung bedeutet lediglich, dass Kinder drei Wochen länger im bestehenden System verbringen. Das bestehende System aber hat selbst erhebliche Probleme.
Die gerade veröffentlichten PISA-Ergebnisse liefern dafür reichlich Anlass zur Diskussion. Österreich verzeichnete Leistungsrückgänge bei den Lese- und Mathematikkompetenzen. Verbesserungen gab es hingegen im Bereich der Naturwissenschaften. 24 Prozent der Jugendlichen, dass sie 2025 mehrmals im Monat Schikane ausgesetzt waren, damit liegt der Wert spürbar über dem OECD-Durchschnitt von 20 Prozent. Das soziale Ungleichheit im Österreichischen Bildungssystem reproduziert hat sich auch nicht verändert.
Wenn das österreichische Bildungssystem mit solchen Problemen kämpft, ist es bemerkenswert, dass die politische Antwort ausgerechnet lautet: mehr Schulzeit. Nicht mehr Personal oder kleinere Klassen. Nicht flächendeckende Ganztags- und Gesamtschulen oder gar Nicht bessere Arbeitsbedingungen für das Personal. Nein die Idee die der WKO einzufallen scheint sind weniger Ferien.
Besonders problematisch wird es, wenn Bildungspolitik immer stärker mit Begriffen wie „Arbeitsmarkt“, „Wettbewerbsfähigkeit“, „Fachkräfte“ und „Produktivität“ begründet wird. Kinder und Jugendliche nicht nur zukünftige Arbeitskraft, sie sind mehr. Ihre Bildung darf nicht darauf reduziert werden, möglichst gut verwertbare Arbeitskräfte hervorzubringen.
Wo bleibt die Ganztagsschule?
Besonders deutlich wird der Widerspruch beim Blick auf die ganztägigen Schulformen. Im Schuljahr 2025/26 besuchen in Österreich rund 33,7 Prozent der Schülerinnen und Schüler der 1. bis 9. Schulstufe eine ganztägige Schulform. Knapp über 62 Prozent der entsprechenden Schulstandorte bieten überhaupt ein ganztägiges Angebot an. Das bedeutet: Von einem flächendeckenden System, das Eltern die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung tatsächlich erleichtert, kann keine Rede sein.
Wenn die Wirtschaft tatsächlich so besorgt um die Situation berufstätiger Mütter ist, wie die WKO-Präsidentin behauptet, müsste die Forderung daher eine andere sein: Flächendeckende, kostenlose und qualitativ hochwertige Ganztagsbetreuung – während des gesamten Jahres. Und zwar nicht als bloße Aufbewahrung der Kinder bis zum Ende des Arbeitstages, sondern als Bestandteil eines öffentlichen Bildungs- und Betreuungssystems mit ausreichend Personal, guten Arbeitsbedingungen und ausreichend Zeit für Bildung, Freizeit und Erholung.
Die Frauenfreundlichkeit der WKO?
Die WKO vertritt die Interessen der Unternehmen. Das ist keine Verschwörung und keine Unterstellung, sondern ihre gesellschaftliche Funktion. Wenn Unternehmen unter Arbeitskräftemangel leiden, haben sie ein materielles Interesse daran, dass möglichst viele Menschen möglicht billig dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen können.
In diesem Zusammenhang erhält die Rede von der „Entlastung der Frauen“ eine andere Bedeutung. Natürlich kann eine bessere Kinderbetreuung Frauen tatsächlich entlasten. Natürlich ist es ein Fortschritt, wenn Frauen nicht aufgrund fehlender Betreuung aus dem Berufsleben gedrängt werden. Und natürlich muss für eine gesellschaftliche Organisation von Sorge- und Reproduktionsarbeit gekämpft werden.
Aber daraus folgt noch lange nicht, dass jede Maßnahme, die Frauen für den Arbeitsmarkt verfügbarer macht, automatisch eine emanzipatorische Maßnahme ist.
Die entscheidende Frage ist: Wer trägt die Kosten dieser „Entlastung“ – und wem nützt sie?
Wenn die Antwort lautet, dass Kinder länger in der Schule bleiben, damit ihre Mütter länger und verlässlicher arbeiten können, dann wird zunächst einmal die Verfügbarkeit der Arbeitskraft erhöht. Der Betrieb erhält eine Arbeitskraft, deren Betreuungspflichten weniger häufig mit den betrieblichen Anforderungen kollidieren. So erweist sich die Forderung mit der Begründung der Geschlechtergerechtigkeit das modern und angemessen, aber der eigentliche Grund ist sicherlich nicht die Frauenfreundlichkeit der WKO.





















































































