Während der Fußball-WM boomt das Geschäft mit Sportwetten. Fachleute warnen vor Spielsucht und Rückfällen. Gleichzeitig liberalisiert die Bundesregierung den Online-Glücksspielmarkt zugunsten von Konzernen.
Weltmeisterschaft als Milliardengeschäft für die Wettindustrie
Wenn bei der Fußball-Weltmeisterschaft der Ball rollt, rollt auch das große Geld. Millionen Menschen verfolgen die Spiele, während Wettanbieter die Aufmerksamkeit nutzen, um mit aggressiver Werbung, Bonusaktionen und Live-Wetten neue Kundinnen und Kunden zu gewinnen. Was als harmloser Tipp auf den Weltmeister erscheint, ist Teil eines milliardenschweren Geschäftsmodells, das auf immer mehr Einsätze und immer höhere Umsätze abzielt.
Für Menschen mit einer Glücksspielerkrankung wird die WM damit zur Belastungsprobe. Wettwerbung begleitet praktisch jede Übertragung, ist auf Social Media allgegenwärtig und vermittelt den Eindruck, Sport und Wetten gehörten selbstverständlich zusammen. Fachleute warnen seit Jahren vor genau dieser Entwicklung.
Roman Neßhold vom Institut Glücksspiel und Abhängigkeit in Salzburg verweist darauf, dass während großer Fußballturniere deutlich mehr Menschen Sportwetten abschließen. Oft bleibe es zwar bei kleinen Beträgen, doch die enorme mediale Präsenz führe dazu, dass sich immer mehr Menschen mit Wettangeboten beschäftigen.
Rückfälle statt Beratung
Die Psychologin Gertraud Müller-Luger von der Suchthilfe beobachtet während der Weltmeisterschaft einen Rückgang der Beratungen. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass das Problem kleiner geworden ist – vielmehr befürchtet sie zahlreiche Rückfälle.
Wer sich mühsam aus einer Spielsucht befreit hat, wird während eines Großereignisses wie der WM permanent mit Wettangeboten konfrontiert. Bonusaktionen, Quoten und Live-Wetten begleiten nahezu jedes Spiel. Viele Betroffene ziehen sich in dieser Phase zurück und suchen häufig erst wieder Hilfe, wenn finanzielle Verluste oder persönliche Krisen eingetreten sind.
Hunderttausende Menschen sind betroffen
Wie groß das gesellschaftliche Problem längst ist, zeigen aktuelle Daten der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG). Rund 300.000 Menschen in Österreich weisen zumindest ein problematisches Spielverhalten auf, etwa ein Viertel davon in schwerer Ausprägung.
Hinter diesen Zahlen stehen keine Einzelschicksale, sondern ein gesellschaftliches Problem: Überschuldung, psychische Erkrankungen, zerstörte Beziehungen, Arbeitsplatzverlust und soziale Ausgrenzung. Besonders hoch ist das Suchtpotenzial bei Glücksspielautomaten, Poker und Sportwetten. Gleichzeitig wachsen gerade Onlineangebote und digitale Wettplattformen besonders stark.
Das ist kein Zufall. Diese Angebote stehen rund um die Uhr zur Verfügung und werden mit modernen Marketingmethoden gezielt beworben. Gerade junge Menschen werden über Smartphones, soziale Medien und Sportsponsoring früh an das Glücksspiel herangeführt.
Die Bundesregierung öffnet den Markt
Während Fachleute vor den Folgen warnen, hat die Bundesregierung Ende Juni eine Novelle des Glücksspielgesetzes beschlossen, die den Online-Glücksspielmarkt für private Anbieter öffnet. Offiziell wird die Reform als Modernisierung und Verbesserung des Spielerschutzes verkauft.
Tatsächlich enthält das Gesetz zwar einzelne Verbesserungen, etwa ein zentrales Sperrregister oder klarere Regelungen für Spielerschutzansprüche. An der grundsätzlichen Richtung ändert das jedoch nichts. Die Marktöffnung schafft zusätzliche Geschäftsmöglichkeiten für Glücksspielkonzerne, deren wirtschaftliches Interesse darin besteht, möglichst viele Menschen möglichst lange zum Spielen zu bewegen.
Internationale Erfahrungen zeigen, dass Liberalisierungen regelmäßig mit einer Zunahme von Glücksspielwerbung und einer stärkeren gesellschaftlichen Präsenz des Glücksspiels einhergehen. Mehr Anbieter bedeuten mehr Konkurrenz – und damit auch mehr Werbung, mehr Bonusangebote und mehr Druck, neue Spielerinnen und Spieler zu gewinnen.
Sportwetten bleiben eine gefährliche Lücke
Besonders widersprüchlich ist, dass Sportwetten weiterhin nicht unter das Glücksspielgesetz fallen. Sie gelten rechtlich nach wie vor als Geschicklichkeitsspiel und unterliegen deshalb deutlich schwächeren Schutzbestimmungen.
Gerade die aktuelle Fußball-WM macht sichtbar, welche Folgen das hat. Während Wettanbieter ihre Angebote rund um die Uhr bewerben dürfen, stehen suchtgefährdete Menschen einem nahezu lückenlosen Werbedruck gegenüber. Von wirksamem Spielerschutz kann unter diesen Bedingungen keine Rede sein.
Profite werden privatisiert, die sozialen Kosten trägt die Gesellschaft
Das Grundproblem liegt nicht in einzelnen Gesetzesbestimmungen, sondern im Geschäftsmodell der Glücksspielindustrie selbst. Glücksspielunternehmen erzielen ihre Gewinne nur dann, wenn Menschen Geld verlieren. Je länger gespielt wird und je häufiger Einsätze erfolgen, desto höher fallen die Profite aus.
Während Konzerne Milliarden verdienen, tragen Betroffene und ihre Familien die Folgen: Schulden, psychische Erkrankungen, familiäre Konflikte und existenzielle Notlagen. Auch die Allgemeinheit zahlt den Preis – durch steigende Gesundheitskosten, Therapiebedarf und soziale Folgekosten.
Die Bundesregierung behauptet, mit der Marktöffnung den Schwarzmarkt eindämmen zu wollen. Tatsächlich stärkt sie jedoch einen Wirtschaftszweig, dessen Geschäftsmodell auf der Ausnutzung menschlicher Hoffnungen und Krisen beruht.
Gesundheit statt Konzernprofite
Die Warnungen von Suchtexpertinnen und Suchtexperten während der Fußball-WM zeigen, dass kosmetische Korrekturen nicht ausreichen. Notwendig wären ein vollständiges Verbot von Glücksspielwerbung und Wett-Sponsoring, ein Ende der Liberalisierung des Online-Glücksspiels sowie ein entschiedenes Vorgehen gegen Glückspiel, Sportwetten und das sogenannte kleine Glückspiel.
Darüber hinaus braucht es einen massiven Ausbau kostenloser Beratungs- und Therapieangebote sowie wirksame Maßnahmen gegen Überschuldung.
Die aktuelle Weltmeisterschaft macht sichtbar, worum es tatsächlich geht: Während Millionen Menschen Fußball schauen, kämpfen Wettkonzerne um neue Kundschaft. Wo mit menschlicher Verzweiflung Profite erzielt werden, steht nicht der Schutz der Bevölkerung im Mittelpunkt, sondern das Interesse des Kapitals. Eine Politik, die Gesundheit und soziale Sicherheit über Konzerngewinne stellt, müsste deshalb den Glücksspielmarkt nicht weiter öffnen, sondern konsequent zurückdrängen.





















































































